Verseuchte Blutkonserven

Ein fast vergessener Medizinskandal: Hunderte Bluter starben in Deutschland an Aids, weil sie in den 1980ern verseuchte Blutpräparate bekommen hatten. Bis heute müssen Betroffene um ihre Rechte kämpfen, erzählt Andreas Bemeleit von der Initiative „Robin Blood“ im Interview.

Sie kämpfen seit Jahren für eine Entschädigung derer, die vor Jahrzehnten durch Blutkonserven mit HIV oder Hepatitis C infiziert worden sind. Dabei gibt es doch seit 1995 eine Stiftung für die Opfer. Warum also dieser Kampf?

Andreas Bemeleit: Die Sache hat zwei wichtige Aspekte. Bei der Entschädigung für die HIV-Infektion ist das Problem, dass das Stiftungsvermögen, aus dem die Betroffenen versorgt werden, viel zu gering bemessen war. Momentan reicht das Stiftungsvermögen nur noch bis 2017. Aus dem Anspruch, den die Begünstigten haben, wird jetzt langsam eine Bitte, ein Gesuch. Hinzu kommt, dass die Höhe der Zahlungen seit Inkrafttreten des Stiftungsgesetzes nicht an die Inflation angepasst wurde und dies im Gesetz auch nicht vorgesehen ist. Außerdem muss ein Passus in dem Stiftungsgesetz geändert werden, nämlich dass die Stiftung endet, wenn das Vermögen aufgebraucht ist. Es sollte doch bitte heißen, dass das Stiftungsgesetz erst endet, wenn der letzte Begünstigte gestorben ist.

Wie ist die Lage bei den Blutern, die mit Hepatitis C infiziert wurden?

Bemeleit: Da sieht es so aus, dass es bislang gar keine Entschädigung gibt. Dabei ist zu bedenken, dass nahezu alle Hämophilen, die in den 80er Jahren das Präparat Faktor VIII bekommen haben, mit Hepatitis C infiziert sind. Und im Gegensatz zur landläufigen Meinung, dass die Bluter an Aids sterben würden, ist es so, dass Hepatitis C das Hauptproblem ist. Seit einigen Jahren sind Leberzirrhose und Leberkrebs die häufigsten Todesursachen bei Hämophilen.

Warum werden diese Menschen bislang nicht entschädigt?

Bemeleit: In der Politik herrscht noch immer Einigkeit darüber, dass die Infektion mit Hepatitis C nicht vermeidbar gewesen ist und dass deshalb auch keine Entschädigungen nötig sind. Es gibt aber längst die Erkenntnis aus dem Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses im Bundestag, dass seit Ende 1982 nahezu alle Infektionen hätten verhindert werden können.

Der Eindruck drängt sich auf, dass die Verantwortlichen in den 1980er Jahren dachten, das ‚Problem‘ erledige sich von selbst…

Bemeleit: Das zeigt, wie zynisch man bei der Pharmaindustrie ist. Ich denke, die Versicherungen der Pharmaindustrie haben eine Wette abgeschlossen und auf unseren frühen Tod gewettet. Diese Wette haben sie verloren. Aber sie zahlen nicht für ihre verlorene Wette. Hier lautet unsere klare Forderung, dass die Pharmaindustrie unbedingt und schnell weiter zustiftet, damit die Entschädigungen sichergestellt werden.

Was verdient die Pharmaindustrie eigentlich an einem Bluter – also auch denen, die damals durch Blutkonserven infiziert wurden und noch leben?

Bemeleit: Niemand verrät die Gewinnspanne, aber es ist ein weltweiter Milliardenmarkt. Im Moment komme ich alleine auf etwa 50.000 Euro Kosten im Monat für das Präparat Faktor VIII, also das Präparat zur Blutgerinnung. Die Kosten für den Rest an Medizin, um HIV in Schach zu halten, fallen dagegen mit vielleicht 2.000 Euro geradezu klein aus.

Verbinden Sie mit der Ausstrahlung des Filmes „Blutgeld“, der heute Abend im ZDF läuft, Hoffnungen, dass sich etwas an der derzeitigen Situation ändern könnte?

Bemeleit: Nach dem Film „Contergan – Eine einzige Tablette“, der vom selben Filmemacher produziert worden war, gab es einen gewaltigen Ruck in der Gruppe der Betroffenen. Viele haben anschließend die Öffentlichkeit gesucht, ihre Anliegen formuliert und für die eigene Sache gestritten. Und es wurde in diesem Jahr ja tatsächlich auch eine Lösung gefunden, mit der man durchaus zufrieden sein kann. Wir hoffen, Ähnliches jetzt auch für die Hämophilen erreichen zu können.

Wie viele Betroffene leben noch?

Bemeleit: Bei denen mit Hepatitis C gehen die Zahlen ziemlich durcheinander, das scheint Teil der Strategie zu sein. Die Rede ist von 1.500 bis 3.000 Betroffenen. Bei HIV-Infektionen hingegen ist es ziemlich klar: Wir sind noch rund 400 direkt Betroffene. Es waren einmal 1.500, der Rest ist inzwischen gestorben. Übrigens nicht unbedingt nur an Aids, sondern auch häufig an Leberzirrhose, Leberkrebs oder den Folgen einer Lebertransplantation.

(Das Interview mit Andreas Bemeleit („Robin Blood“) führte Christian Thomann-Busse, veröffentlicht am 28. Oktober 2013 bei heute.de: „Pharmakonzerne haben die Wette verloren“)