Vermehrt Gefahr durch Senioren am Steuer?

Auf Deutschlands Straßen könnte es in Zukunft trotz steigenden Verkehrsaufkommens spürbar gemächlicher zugehen als heute: In 15 oder 20 Jahren sitzen nämlich deutlich mehr Rentner hinterm Steuer. Weniger Stress auf den Straßen bedeutet aber nicht unbedingt, dass es auch weniger Unfälle geben wird.

Zehn Prozent mehr Pkw-Verkehr prognostiziert die Bundesregierung für das Jahr 2030. Den größten Anteil daran werden Senioren haben – nicht nur, weil es im Zuge des demografischen Wandels ohnehin mehr Alte im Land geben wird, sondern weil sich auch die Struktur derer, die dann Auto fahren, radikal geändert hat.

Frauen über 80 haben heute seltener einen Führerschein

„Entscheidend ist nicht, wie viele alte Leute wir haben, sondern wie viele von ihnen im Auto unterwegs sind“, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer. „Die heute über 80-jährigen Frauen haben in der Regel keinen Führerschein. In 20 Jahren sieht das anders aus. Das wird ein regelrechter Booster-Effekt.“ Zur Erinnerung: Langfristig – bis zum Jahr 2050 – wird knapp jeder dritte Bundesbürger über 65 sein, und die Bevölkerungsanteil der über 80-Jährigen wird sich von sechs auf 13 Prozent mehr als verdoppelt haben.

Die gute Nachricht für alle, denen es auf Deutschlands Straßen heute zu hektisch und drängelig zugeht: In Zukunft wird der Verkehr wohl etwas gemächlicher. Mit steigendem Alter sinkt nun mal die Neigung, Regeln zu brechen. Senioren halten sich deshalb eher an Geschwindigkeitsvorschriften. „Das Gros der älteren Fahrer ist umsichtig unterwegs und passt sich an. Ja, Senioren gehen verantwortungsbewusst mit der Fahraufgabe um“, sagt der Verkehrspsychologe Thomas Wagner.

Autounfälle von Senioren spielen statistisch noch eine kleine Rolle

Gemächlicher und rücksichtsvoller bedeutet aber nicht unbedingt, dass unsere Straßen in Zukunft unfallfreier werden. „Dreiviertel der Unfälle, in die Senioren über 75 Jahren verwickelt sind, sind von ihnen auch verursacht“, sagt Unfallforscher Brockmann. Diese Zahl liegt sogar höher als bei dem eigentlichen Sorgenkind der Versicherer, den 18- bis 24-Jährigen mit 71 Prozent – fällt aber derzeit in den Statistiken kaum ins Gewicht. „Das aber wird in 20 Jahren anders sein, wenn mehr Senioren Auto fahren“, so Brockmann.

Während junge Autofahrer eine Menge Unfälle verursachen, bei denen zu hohe Geschwindigkeit eine Rolle spielt, sind es bei Senioren überdurchschnittlich viele Unfälle in Situationen, bei denen man eine Vielzahl an Informationen verarbeiten muss – im Stadtverkehr bei Abbiegemanövern an Kreuzungen zum Beispiel.

Millionen mit beginnender Demenz am Steuer

Dies habe, so Brockmann, nicht mit fehlender Erfahrung oder Praxis zu tun, sondern mit der abnehmenden Fähigkeit, verschiedene Sinneseindrücke in eine Rangreihenfolge zu bringen. „Wir haben im Alter zwar eine funktionierende Festplatte, aber unser Arbeitsspeicher lässt nach.“ Nicht nur dieser Umstand wirft Fragen für die Zukunft des Straßenverkehrs auf, sondern auch ein in unserer Gesellschaft bislang weitgehend tabuisiertes Thema: Demenzerkrankungen im Alter. „Schätzungen gehen davon aus, dass in einigen Jahren etwa acht Prozent der Fahrer mit einer beginnenden Demenzerkrankung unterwegs sein könnten, also rund dreieinhalb bis vier Millionen Autofahrer. Da rollt ein Tsunami auf uns zu“, so der Verkehrspsychologe Thomas Wagner.

Wie man zukünftig mit der Fahrtüchtigkeit von Senioren umgehen soll, darüber diskutiert nicht nur die Fachwelt seit Jahren. Fest steht, so Wagner: „Zwangsuntersuchungen schützen nicht vor Risiken und helfen nicht, die richtigen Risikoträger korrekt zu identifizieren.“ Dies habe sich in Ländern mit solchen Untersuchungen für Senioren gezeigt. Ein Weg könnten freiwillige Checks sein, wie Wagner sie bei der Dekra durchführt: „Solche freiwilligen Untersuchungen helfen bei der Selbsteinschätzung und sind nicht so belastet wie die vielen gut gemeinten Ratschläge aus der Familie.“

„Nicht erst in zehn Jahren offen darüber reden“

„Ein großer Schub zu mehr Verkehrssicherheit wäre natürlich das autonome Fahren, auf das jetzt alle warten“, sagt Unfallforscher Siegfried Brockmann. Das komme vielleicht in den nächsten Jahren für die Autobahn, aber im Stadtverkehr sehe er das noch nicht. „Entscheidend aber ist, dass wir nicht erst in zehn Jahren anfangen, offen darüber zu reden, wie sich ein wachsender Seniorenanteil auf den Straßenverkehr auswirken wird.“

(Autor: Christian Thomann-Busse)