Sommer-Schluss-Verkauf: Glücksgefühle für Steinzeitjäger

Mehr als 50 Jahre war der letzte Montag im Juli dick im Terminkalender der Verbraucher markiert: Endlich Sommer-Schluss-Verkauf! Und heute, wo doch eigentlich immer und überall „Sale“ ist? Der SSV hält sich tapfer – und viele erwarten ihn auch noch.

Seit 2004 ist alles anders. Da bestimmte das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, dass Schlussverkäufe immer stattfinden dürfen. Doch trotz der mittlerweile ganzjährigen „Sale“-Plakate in den Schaufenstern, die für Verbraucher längst zum Alltag gehören, haben SSV und WSV kaum an Magie verloren. „Der Schlussverkauf spielt deshalb eine so große Rolle, weil er so flächendeckend ist“, sagt Stefan Hertel vom Handelsverband Deutschland. „Die Mehrheit der Händler ist dabei und das macht es dann eben auch für Verbraucher interessant.“

„Schlussverkauf ist mehr als nur ein Marketinggag“

Vor allem in ländlichen Regionen warte man oft gezielt auf den Schlussverkauf. „Die Kunden sind seit Jahrzehnten an den Termin gewöhnt, da setzt dann ein regelrechter Einkaufstourismus ein, um in den Städten Schnäppchen zu machen“, so der Sprecher des Handelsverbands. Eine Situation, über die sich auch die Händler freuen: Denn der Hauptgrund für den breit angelegten Schlussverkauf sei nach wie vor, Saisonwaren aus den Lagern zu bekommen, um Platz für die nächste Lieferung zu haben. „Klar hat der SSV eine große Werbewirkung, aber er ist kein reiner Marketinggag“, so Stefan Hertel.

Eine Einschätzung, die auch der Marketingexperte Holger J. Schmidt von der Hochschule Koblenz teilt: „Da es heute zum Beispiel in der Mode nicht mehr nur Sommer- und Winterkollektionen, sondern auch zahlreiche Zwischenkollektionen gibt, steigt auch bei den großen Ketten die Notwendigkeit, Platz für Neues zu schaffen. Das kann uns Konsumenten dann in der Tat vorkommen wie ein ständiger Ausverkauf.“

Reduzierte Preise funktionieren noch immer

Abnutzungserscheinungen erwartet Prof. Schmidt dennoch nicht, so lange der Kunde das Gefühl hat, etwas gerade günstiger erworben zu haben als andere vor ihm: „Der Steinzeitjäger in uns war dann wieder mal erfolgreich.“ Ganz anders sehe das allerdings bei permanenten Rabattaktionen aus.

„Wenn wir wissen, dass etwas immer 20 Prozent günstiger ist, nehmen wir das Angebot nicht mehr ernst. Der rabattierte Preis wird dann zum Normalpreis. Genau daran ist ja die Baumarktkette Praktiker gescheitert“, so der Marketingexperte.

Natürlich gebe es Fälle, in denen Preise vor dem Ausverkauf bewusst hoch angesetzt werden, um möglichst stark reduzieren zu können. „Generell ist in vielen Branchen heute der Preisdruck allerdings so stark, dass sich Händler überzogene Ausgangspreise nicht mehr erlauben können. Außerdem ist die Preistransparenz durch das Internet und entsprechende Vergleichsportale für uns Verbraucher so hoch wie nie zuvor“, sagt Holger J. Schmidt. Eher gehe es den Anbietern darum, mit den Aktionswaren Verbundverkäufe auszulösen, also Zusatzumsätze mit nicht rabattierten Waren zu erzielen.

Auch Online-Händler müssen Platz schaffen

Denn längst beschränkt sich der Schlussverkauf nicht mehr nur auf Textilien: Sportartikelhändler, Baumärkte, Möbelhändler und Elektrofachgeschäfte nutzen SSV und WSV ebenfalls dazu, Lagerbestände zu reduzieren und Kaufanreize zu schaffen. Und die Online-Konkurrenz? „Über das Jahr hinweg setzen viele Online-Händler wie Amazon oder Zalando auf Tiefpreisgarantien“, erklärt Schmidt. Hinzu kämen da noch Rabatte über Promotion-Codes, die nicht für alle Kunden erhältlich seien. Zum Saisonwechsel allerdings sehe man aber auch Schlussverkaufs-Aktionen wie beim klassischen Einzelhandel: „Auch Online-Händler haben nicht unbegrenzt Lagerkapazitäten und müssen Saisonartikel abverkaufen.“

(Autor: Christian Thomann-Busse)