„Ohne Umverteilung wird das Soziale zum Luxus“

Streiken sie wieder, die Kindergärtnerinnen? Ihr Kampf für höhere Gehälter hat die sozialen Berufe ins Blickfeld gerückt. Vielfach unterbezahlt, oft unsichtbar: „Wollen wir sie angemessen vergüten, müssen wir einen politischen Preis zahlen“, so der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann im Interview.

Ärzte, Polizisten, Feuerwehrmänner: Das sind die Berufe, die immer ganz oben im Ansehen stehen. Krankenschwestern, Altenpfleger oder Erzieher nicht. Warum schätzen wir diese Berufsgruppen so gering ein, obwohl sie doch so viel für uns tun?

Ulrich Thielemann: Ich glaube gar nicht, dass diese sozialen Berufe so gering geschätzt werden. Vor allem diejenigen, die in direktem Kontakt zum Altenpfleger oder zur Krankenschwester stehen, dürften sie sogar sehr hoch einschätzen. Da ist ja jemand, der persönlich mit einem umgeht. Auf der anderen Seite hat aber eben nicht jeder Kontakt zu sozialen Berufen, und viele sind ja gar nicht so sichtbar tätig. Das ist wie mit der Reinigungskraft oder dem Lagerarbeiter, die immer im Hintergrund arbeiten und für viele unsichtbar sind.

Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen sieht man gerade bei den sozialen Berufen ziemlich niedrige Gehälter.

Thielemann: Das sehen wir eigentlich quer durch die gesamte Dienstleistungsbranche, jedenfalls bei personenbezogenen Diensten. Nicht umsonst ist von der Wiederkehr des Proletariats auch hierzulande die Rede, eines Dienstleistungsproletariats nämlich.

Tätigkeiten, die nichts wert sind?

Thielemann: Reine Dienstleistungen lohnen sich, ökonomisch betrachtet, für beide Seiten weniger als eine Beziehung zwischen Kunden, die beide in der Industrie ihr Geld verdienen. Wenn früher ein Grundig-Mitarbeiter einen VW Käfer gekauft hat, dann stand da für beide Seiten ein gigantischer ökonomischer Tauschvorteil hinter. Da waren Menschen, die etwas produziert haben, was sie so alleine ohne die Maschinen niemals hätten bewerkstelligen können. Bei personenbezogenen Diensten hingegen gibt es keine hochgradig technisierte Arbeitsteilung und damit auch so gut wie keine technisch erzeugte Effizienzsteigerung. Darum lohnen sie sich eigentlich ökonomisch nicht. Sie wären für Normalbürger entweder unerschwinglich teuer. Oder die Dienstleister würden brutal schlecht vergütet. Das hatten wir bereits einmal. In der Belle Epoque haben sich die Superreichen ein Heer von Dienstboten geleistet.

Soziale Berufe sind also überflüssig?

Thielemann. Nein, natürlich nicht. Und wir leben ja auch nicht mehr, wie damals, in einer unregulierten, sondern grundsätzlich in einer sozialen Marktwirtschaft.

Der Neoliberalismus ist aber schon recht weit fortgeschritten…

Thielemann: Ja, und er ist gefestigter als je zuvor. Deshalb sage ich ja auch: Wenn wir personenbezogene Dienste wollen, dann müssen wir die nötigen Mittel dazu aus dem großen Wohlstandstopf, der im Wesentlichen in der Industrie entsteht, politisch umleiten. Wenn wir finden, dass die Beschäftigten in den sozialen Berufen wichtige, ja vielleicht unverzichtbare Dinge leisten, sie dafür aber unangemessen tief vergütet werden, dann müssen wir dafür einen politischen Preis bezahlen. Zugleich sehen wir, dass unsere Wirtschaft an ihre Wachstumsgrenzen stößt und der industrielle Wachstumstopf kleiner wird. Wir sind ja längst so weit, dass die Industrie ihre Mitarbeiter abstößt und diese Arbeitslosen dann in den Dienstleistungssektor wechseln. Und da kommt noch mehr im Zuge von Industrie 4.0. Wir werden bald schon händeringend nach Beschäftigung suchen.

Immerhin kommt unsere Gesellschaft nicht klar ohne diese sozialen Berufsgruppen.

Thielemann: Man „kann“ schon ohne soziale Berufe leben. Da sieht man doch in den USA, wo Pflege und Krankenhäuser etwas für Reiche sind. Oder schauen Sie nach Griechenland: Dort haben mehr als ein Drittel der Menschen keine Krankenversicherung mehr. Natürlich sind das katastrophale Zustände.

Aber daran kann doch in Deutschland niemand Interesse haben!

Thielemann: Einige vielleicht schon. Aber wenn wir nachhaltig den sozialen Sektor halten oder sogar ausbauen möchten, müssen wir regulieren und umverteilen. Sonst gibt es ihn nicht, oder nur zu für die Beschäftigten untragbaren Bedingungen. Oder er wird zum Luxus für wenige.

Brauchen wir eine Abkehr vom Neoliberalismus und die Rückkehr zu einer sozialen Marktwirtschaft?

Thielemann: Dies scheint mir in der Tat notwendig. Denn von allein funktioniert der Markt nicht gerecht. Ohne Regulierung, die auch Momente der Umverteilung einschließt, droht eine Rückkehr zu überwunden geglaubten Zeiten einer Schicht von Superreichen, die nicht wissen, wohin mit all den Überschüssen, die ihnen zufließen, und den vielen anderen, deren Einkommen bestenfalls stagnieren, die Angst vor dem Absturz haben und deren Jobs immer stressiger werden. Große Anzeichen, dass man zum Sozialen zurückkehren möchte, nachdem die Vorherrschaft des Neoliberalismus seit den 1980er Jahren die soziale Marktwirtschaft verdrängt hat, sehe ich aktuell aber nicht.

Info zur Person:

Ulrich Thielemann ist Direktor des MeM – Denkfabrik für Wirtschaftsethik. Der Think Tank steht für menschliche Marktwirtschaft, in der die Werte des guten Lebens aller zählen.

(Das Interview führte Christian Thomann-Busse)