Mit Essen spielt man nicht

Die Debatte wird hitzig geführt: Treiben Spekulationen mit Nahrungsmitteln die Preise für die Produkte in armen Ländern nach oben? Deutsche Bank und Allianz sagen Nein. Foodwatch legt jetzt mit einer neuen Studie noch einmal nach und sagt: Doch.

Für den Großteil der deutschen Bevölkerung ist klar: Zocken auf Nahrungsmittelpreise, das geht nicht. Drei Viertel der kürzlich von Forsa Befragten sprachen sich gegen solch spekulative Geschäfte aus. Jenseits dieses gesellschaftlichen Konsenses schwelt jedoch (auch vor dem Hintergrund anstehender Neuregelungen für Spekulationen) ein akademischer Streit, ob und inwieweit Wetten Einfluss auf die Preise von Agrarprodukten haben und somit das Hungerrisiko von Menschen in armen Ländern verschärfen.

Big Player betonen sogar den NutzenZahlreiche Großbanken haben sich mittlerweile aus dem umstrittenen Geschäft verabschiedet. Zwei Big Player allerdings wollen es nicht lassen: Deutsche Bank und Allianz. Sie weisen die Vorwürfe zurück. „Wenn wir eine Indikation hätten, dass das nicht zu dem beiträgt, was wir alle erreichen wollen, nämlich den Hunger abzustellen, dann hätten wir es nicht gemacht“, hatte Deutsche-Bank-Vize Jürgen Fitsche noch Anfang des Jahres argumentiert.

Unterstützung hatten Spekulanten gerade erst durch die Forscher Thomas Glauben und Ingo Pies von der Universität Halle-Wittenberg und vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung bekommen: „Der Alarm, Indexfonds seien für Hungerkrisen verantwortlich, muss nach dem gegenwärtigen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis als Fehl-Alarm eingestuft werden“, so deren Tenor.

Keine Zeit mehr für Luxus-Debatten

Genau solche Indexfonds stehen unter anderem im Zentrum der Kritik der jetzt vorgelegten Foodwatch-Studie von Hans-Heinrich Bass, Professor für Internationale Wirtschaft an der Hochschule Bremen. Hier allerdings stünde nicht die Absicherung gegen Preisschwankungen im Vordergrund, sondern stetige Gewinne durch langfristige Preissteigerungen. Nicht mehr nur Agrargroßbetriebe oder die Lebensmittelindustrie sei heute an den Nahrungsmittelmärkten aktiv, sondern verstärkt auch Pensionsfonds, Hedgefonds und „Swap-Händler“ – allesamt weniger an Rohstoffen als an kurzfristigen Gewinnen interessiert. Ohne Zweifel: Es gehört zum Wesen der Wissenschaft, Diskussionen ausschließlich um der Erkenntnis wegen zu führen.

Bei der Frage, ob sich Finanzspekulationen auf Rohstoffe wie Weizen, Mais und Soja letztendlich auf die Marktpreise auswirken, wird die jetzt vorgelegte Studie allerdings realistisch und fordert – salopp gesagt – einfach mal die Kirche im Dorf zu lassen: „Die Forschung kann sich angesichts des bestehenden Handlungsbedarfs nicht den Luxus leisten, durch formale Tests alle Details klären zu wollen, bevor sie eine Empfehlung an die Politik gibt.“

Bald mehr Aufsicht in einem intransparenten Markt?

Nicht nur die Kritiker von Oxfam, Attac und Misereor, die noch Mitte Oktober zum Welternährungstag gegen Nahrungsmittelspekulation protestiert hatten, wird diese Erkenntnis freuen. „Verschiedene Finanzprodukte wie zum Beispiel Indexfonds für Nahrung sollte man einfach verbieten“, sagt Jan Urhahn, Referent für Landwirtschaft und Ernährung bei der Nichtregierungsorganisation Inkota. Zudem, so Urhahn, müsste es eine Begrenzung von Positionsgrößen in diesen Märkten geben sowie eine Regulierung, in welcher Stückzahl und zeitlicher Frequenz gehandelt werden dürfe. „Und das ohne Schlupflöcher.“Dazu allerdings brauche es starke Aufsichtsbehörden in einem intransparenten Markt, bei dem zahlreiche Geschäfte „Over the Counter“, also unreguliert ablaufen. Ein Ziel, das gar nicht so weit weg scheint: „Der Rohstoffhandel ist Teil der EU-Finanzmarktreform, die gerade umgesetzt werden soll. Und es sieht so aus, als könnte es noch Ende des Jahres eine Lösung geben, die die exzessive Spekulation beenden könnte“, so Landwirtschaftsexperte Urhahn.

(Autor: Christian Thomann-Busse)