Mehr Armut, obwohl die Zahl der Jobs wächst

Die Lage scheint bestens, der deutsche Arbeitsmarkt boomt. Der Datenreport „Leben in Deutschland“ zeigt eine andere Seite: „Mittlerweile ist es schwerer geworden wieder aufzusteigen, wenn man erst einmal unter die Armutsgrenze geraten ist“, sagt Mitautor Roland Habich im Interview. 

Die Welt schwärmt über das deutsche „Jobwunder“. Ist die Lage tatsächlich so rosig?

Roland Habich: In der jüngeren Vergangenheit wurde viel darüber geredet, dass es noch nie so viele Menschen mit einem Beschäftigungsverhältnis gegeben hat. Da könnte man ja denken, dass auch der Wohlstand zunimmt. Aber offensichtlich ist das nicht so.

Wie kommen Sie zu der Annahme?

Habich: Wir sehen, dass sich einige Dinge in der Armutspopulation verfestigen. Mittlerweile ist es schwerer geworden wieder aufzusteigen, wenn man erst einmal unter die Armutsgrenze geraten ist. Vor 20 Jahren haben wir gesagt, dass Armut lediglich nur so etwas wie eine Episode im Lebenslauf ist. Das sagt heute keiner mehr.

Der aktuelle Datenreport geht auch auf die unterschiedlichen Lebenserwartungen von Arm und Reich in Deutschland ein. Wie sieht es da aus?

Habich: Erschreckend. Man weiß seit vielen Jahren, dass es da einen Unterschied gibt. Aber so deutlich wie jetzt haben wir es noch nie gesehen. Das hängt auch von der Datenlage ab, die man nutzen kann. Wir können mittlerweile auf verschiedene Daten, unter anderem die der Rentenversicherung, zurückgreifen, die über 30 Jahre zurückgehen. Unterm Strich sieht man: Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und den wirtschaftlichen Verhältnissen, in denen man in Deutschland lebt. Und die Schere geht weit auseinander.

Ist der Gesamtreport unterm Strich nicht eine dicke Ohrfeige für die Bundesregierung?

Habich: Das kommt auf die Perspektive an. Wenn man den Teil des Jobwunders sieht, geht es tatsächlich in die Richtung. Was da in den letzten Jahren gefeiert wurde, scheint tatsächlich zum großen Teil auf atypische Beschäftigungsverhältnisse und Nebentätigkeit zurückzuführen zu sein. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass viele Arbeitsstellen abgebaut wurden und gleichzeitig die Zahl der Minijobs stark gestiegen ist. Deutschlandweit ist es so, dass in jedem vierten Landkreis der Anteil an Minijobs an allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten bei 25 bis 30 Prozent liegt. Das war sicher nicht so gedacht, und dieses Ergebnis kann man durchaus als eine Ohrfeige für die Regierung sehen.

(Das Interview führte Christian Thomann-Busse)