Junge Flüchtlinge sollen schneller raus aus der Warteschleife

Schneller raus aus der Warteschleife, schneller rein in eine sichere Lebenssituation: Ab 1. November werden unbegleitete Minderjährige auf der Flucht bundesweit verteilt. Dies soll auch die Kommunen entlasten, in denen besonders viele allein reisende Flüchtlinge unter 18 Jahren stranden.

Kinder und Jugendliche in Notsituationen in Obhut nehmen: Für Jugendämter gehört das zum Alltag. Großstädte halten hierzu in der Regel rund 25 bis 50 Bereitschaftsplätze zur Verfügung. Was aber, wenn wöchentlich 100 Minderjährige kommen, die auf der Flucht sind und keine Begleitung haben? „Vor dieser Situation stehen aktuell zahlreiche Kommunen, die an den wichtigsten Verkehrsachsen, Bahnhöfen oder Flughäfen liegen. Da geht vielerorts nichts mehr“, sagt Lorenz Bahr, Jugend-Dezernent beim Landschaftsverband Rheinland (LVR).

Plan um zwei Monate vorgezogen

Dort, beim LVR, sitzt auch das Landesjugendamt Rheinland, eines von zwei Landesjugendämtern in NRW, das ab 1.11. die Fäden in der Hand hält, um landesweit Betreuungsplätze für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu koordinieren. Eigentlich kein großes Ding, meinen Experten – wäre da nicht der Zeitdruck: Ursprünglich war diese neue Vorgehensweise zum Jahreswechsel geplant gewesen, dann wurde sie um zwei Monate vorgezogen. „Manche Kommunen stellt das einfach vor organisatorische Probleme, aber die Aufgabe ist zu stemmen“, so Lorenz Bahr.

70 Prozent der unbegleiteten Minderjährigen verteilen sich aktuell auf fünf Bundesländer: Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Wie es in diesen Ländern aussieht, zeigt das Beispiel NRW: Hier werden derzeit 85 Prozent der Minderjährigen in Aachen, Köln, Düsseldorf, Wuppertal, Dortmund und Bielefeld betreut. Höchste Zeit für Entlastung also.

Mit der Bundespolizei kamen die jungen Flüchtlinge

Wie ein Jugendamt sich auf die neue Situation einstellen muss, zeigt das Beispiel Eschweiler: Dorthin wurde zuletzt ein Stützpunkt der Bundespolizei verlegt – und in diesem Zuge kamen minderjährige Flüchtlinge ohne Begleitung, die von den Beamten aufgegriffen worden waren. „Unsere Aufgabe ist die Inobhutnahme, ein so genanntes Clearingverfahren und die Unterbringung der Minderjährigen“, sagt Jürgen Termath, Jugendamtsleiter in Eschweiler.

Aufgaben neu strukturieren, klare Ablaufpläne machen, Personal intern hochfahren und neu rekrutieren, Platzzahlen in Heimen vorbereiten: Von heute auf morgen geht das nicht. „Wir sind glücklich, dass wir ausreichend Vorlauf hatten, denn selbst jetzt, da wir gut aufgestellt sind, müssen wir uns angesichts der weiter steigenden Flüchtlingszahlen ständig weiter anpassen“, so Termath.

Sponate Solidarität aus der Bevölkerung

Aber wohin mit den Minderjährigen, wenn ad hoc eigentlich keine Betreuungsplätze zur Verfügung stehen? Erdmann Bierdel, Jugendamtsleiter im Kreis Euskirchen, hat auf Hilfe aus der Bevölkerung gesetzt und ins Schwarze getroffen: „Eigentlich sollte es nur eine kleine Infoveranstaltung für potentielle Pflegefamilien werden, aber dann kamen 160 Teilnehmer, und am Ende hatten wir Angebote für 80 Betreuungsplätze in Familien“, so Bierdel.

Für das Kreisjugendamt Euskirchen bedeutet das nicht nur eine gewisse Planungssicherheit, sondern auch ein erfolgversprechendes Konzept zur Integration der Jugendlichen, die meist 16 oder 17 Jahre alt sind. „Wir arbeiten eng mit den Familien, mit Schulen, pädagogischen und therapeutischen Kräften zusammen, damit diese Flüchtlinge schnell Teil der Gesellschaft werden können“, sagt Erdmann Bierdel. Richtig erfreut sei er gewesen, dass zahlreiche Familien mit eigenem Migrationshintergrund ihre Hilfe angeboten haben: „Die machen das echt aus Überzeugung, weil sie sich früher selber über eine solche Möglichkeit gefreut hätte.“

Hohe Lernbereitschaft bei den Jugendlichen

Am wenigsten Sorgen macht sich Lorenz Bahr vom Landesjugendamt des LVR darüber, ob die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in unsere Gesellschaft integrierbar sind: „Wir machen die Erfahrung, dass die meisten von ihnen hochkompetent sind. Im Schnitt brauchen sie zwei Wochen, um nach der meist eineinhalb- bis zweijährigen Flucht quer durch die Welt erst einmal zur Ruhe zu kommen und sich auszuruhen. Aber dann stehen sie morgens um 7 Uhr da und fragen, wann sie zur Schule dürfen.“

Interessanter sei es da eher, so Bahr, wie die Verteilung der Minderjährigen ab 1. November dann tatsächlich in der Praxis aussehe: „Da sind noch einige Fragen offen, nach welchen Schlüsseln nun tatsächlich auf die Kommunen in ganz Deutschland verteilt werden wird. Auch ist für uns als Landesjugendamt vor allem das Kindeswohl wichtig, also: Wo geht es einem jungen Flüchtling gut?“

Info:

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden ab 1. November nach einem straffen Zeitplan deutschlandweit untergebracht. Dort, wo sie ankommen, werden die Jugendlichen vorläufig in Obhut genommen. Das folgende Clearingverfahren (entspricht die Verteilung seinem Wohl, ist er krank oder traumatisiert, gibt es Anverwandte, ist er schon 18?) muss nach sieben Werktagen abgeschlossen sein. Weitere sieben Werktage stehen nun zur Verfügung, während denen das Bundesverwaltungsamt und dieLandes- Bundesverteilstellen dem Minderjährigen einen Betreuungsplatz zur Verfügung stellen. Das ganze Verfahren muss innerhalb von 14 Tagen abgeschlossen sein.

„Genau weiß aktuell niemand, wie viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sich in Deutschland aufhalten“, sagt Lorenz Bahr vom Landesjugendamt des LVR. Vorsichtige Schätzungen gehen derzeit von 25.000 aus. „Es könnten aber durchaus bis zu 60.000 sein“, so Bahr. Grund für die Unklarheit ist, dass es in vielen Erstaufnahmeeinrichtungen noch zahlreiche unentdeckte Minderjährige gebe, die ohne Begleitung unterwegs seien. „Erst wenn sie von den Jugendämtern aufgenommen wurden, erfahren wir von ihnen.“

(Autor: Christian Thomann-Busse)