Hilfsbedürftigkeit hat viele Gesichter

Mehr als 7 Millionen Menschen sind alleine in Syrien auf der Flucht – einige von ihnen schaffen es, das Land zu verlassen und Europa zu erreichen. Nicht nur bei ihrer nun folgenden Odyssee sind sie auf Hilfe angewiesen, sondern auch später in dem Land, in dem sie um Asyl bitten – zum Beispiel in Deutschland.

Die griechische Insel Lesbos, ein Tor zu Europa: Täglich stranden hier derzeit rund 300 Mittelmeerflüchtlinge. Monat für Monat 9.000 Flüchtlinge – und ein Aufnahmelager, das für 700 Menschen ausgelegt ist. „Die Situation ist desolat“, so DRK-Präsident Rudolf Seiters. Zumindest mehrere Tage müssen die Flüchtlinge dort verbringen, bis alle Formalitäten erledigt sind. Seit Mitte August versorgt das DRK die Neuankömmlinge dort mit Hygienepaketen, um ein Mindestmaß an Körperpflege zu ermöglichen. Geschätzte 19.000 Pakete werden es bis Jahresende sein.

Grundlegende Hygienebedürfnisse erfüllen

Szenenwechsel: Presevo und Zajecar in Serbien. Auch hier, an den Grenzen zu Mazedonien und Bulgarien, kommen Flüchtlinge auf ihrer Reise durch Europa an – rund 40.000 seit Jahresanfang. Aktuell ist an beiden Standorten die Diakonie Katastrophenhilfe engagiert: Hygienepakete, warme, wasserabweisende Kleidung für Babys, Toiletten, Duschcontainer. Auch diese Erstaufnahmelager sind nur eine Durchgangsstation.

Lesbos, Presevo, Zajecar: Nur drei Beispiele für das Engagement von Hilfsorganisationen wie DRK, Diakonie und Caritas für Flüchtlinge im europäischen Ausland. Erste-Hilfe-Angebote, die organisiert, umgesetzt und vor allem finanziert werden müssen. „Ein Nahrungspaket für eine Person kostet zehn Euro, ein Baby-Hygienepaket 25 Euro, wärmende Kleidung für ein Kleinkind 35 Euro“, sagt Anne Dreyer, Sprecherin der Diakonie Katastrophenhilfe. Hilfeleistungen, die ohne Spenden nicht möglich wären.

Hilfsbedürftigkeit im neuen Land

Wochen später, Deutschland: Die Flüchtlinge, die nach ihrem Weg quer durch Europa bei uns angekommen sind, können sich auf geschützte Räume, auf Nahrung und vernünftige hygienische Bedingungen verlassen. Können Abstand von der strapaziösen Flucht gewinnen. Ihre Hilfsbedürftigkeit ist nun eine andere: eine neue Sprache lernen, etwas über das neue Land erfahren, Kontakte knüpfen, Fuß fassen. Oft auch an schweren seelischen Verletzungen arbeiten, Traumata aus Kriegserlebnissen verarbeiten.

Wie man auf diese Art der Hilfsbedürftigkeit eingehen und Hilfesuchende in Deutschland unterstützen kann, hat das Projekt „Herzlich willkommen im Kreis Herzogtum Lauenburg“ in der Gemeinde Gudow gezeigt. Informationsmaterial in verschiedenen Sprachen, Spielzeug für Kinder, Deutschkurse und Treffen mit der Bevölkerung – viele kleine Bausteine einer gelebten Willkommenskultur. Um so ein Projekt umzusetzen, braucht es aber nicht nur einen Plan, sondern viele Beteiligte – vor allem Ehrenamtler. „Ohne die würde gar nichts laufen“, sagt Ulrike Pein vom Diakonischen Werk im Herzogtum Lauenburg.

Gelebte Willkommenskultur, ermöglicht durch Ehrenamtler

Offiziell ist das Projekt in Gudow seit vergangenem Jahr mit Ende der Fördermittel abgelaufen. „Wir haben aber so viel davon gelernt, und der Gedanke dahinter lebt nun in vielen Willkommensinitiativen weit über unsere Region hinaus weiter“, berichtet die Migrations- und Sozialberaterin. Gesprächs-Paten, gemeinsame Arbeit in der Fahrradwerkstatt oder interkulturelle Laufgruppen sind nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was ehrenamtliches Engagement auf die Beine stellen kann. Und die Motivation in der Bevölkerung ist hoch: „Wir haben viele Anfragen, wo man helfen kann“, so Ulrike Pein.

Deutschlandweit ist die Bereitschaft, sich ehrenamtlich für Flüchtlinge zu engagieren, aktuell enorm. „Und momentan schießen Hilfsprojekte für Flüchtlinge wie Pilze aus dem Boden“, berichtet Diakonie-Sprecherin Ute Burbach-Tasso. Nur mit gutem Willen alleine ist es aber nicht getan. „Es gibt einen großen Bedarf, Strukturen zu schaffen, damit die aktuell sehr Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung auch ankommen kann“, sagt Susanne Pohl vom DRK. Koordinationsmöglichkeiten, Anlaufstellen und Schulungsprogramme seien Punkte, die umgesetzt werden müssten – und zumindest in Teilen auch über Spenden finanziert werden könnten.

(Autor: Christian Thomann-Busse)