Die Zukunft des Wohnens

Wie werden wir in zehn, 20 oder 30 Jahren wohnen? Immer häufiger in der Stadt, sagen Experten. Das heißt auch: Die Konkurrenz um bezahlbaren Wohnraum wird in den Ballungsräumen eher noch wachsen. Hier nun sechs Trends zur Wohn-Zukunft.

Wohnen in der Stadt droht zum Luxus zu werden, wenn Kommunen nicht regulierend eingreifen. Zuletzt waren es die Studentenwerke, deren lauter Hilferuf durchs Land hallte: Zehntausende Studienanfänger noch ohne Bleibe! Doch nicht nur denen bereitet ihre Wohn-Zukunft Kopfzerbrechen: „Es fehlen definitiv vier Millionen Miet-Sozialwohnungen in Deutschland“, sagt der Wohnungsmarktexperte Matthias Günther vom Eduard Pestel Institut für Systemforschung. Von einst 30 Prozent Ende der 70er Jahre ist der Anteil an sozial gebundenen Mietwohnungen auf jetzt sieben Prozent gesunken. Die Neubauquote geht gegen Null.

Aber woher der Drang in die Stadt? „Auch wenn es oft als Lifestyle verkauft wird, muss man sich die Frage stellen, ob es nicht doch einfach ökonomische Zwänge sind, die diesen Trend bestimmen“, so Günther. Zwänge wie Mobilitätskosten, Arbeitsplatznähe, Infrastruktur, die auch in Zukunft bestehen oder sogar verstärkt werden. Wie also sieht das Wohnen in der Stadt in der Zukunft aus? heute.de sprach mit Experten über einige der wichtigsten Punkte.

Wohnen wird teurer

In den beliebtesten Großstädten Deutschlands gehören kontinuierliche Mietpreisanstiege seit Jahren zur Normalität. 500.000 Studenten mehr alleine in den letzten Jahren, konstante Zuwanderung aus den ländlichen Bereichen und auch zunehmende Zuwanderung aus anderen Staaten: Immer mehr Menschen drängen in die Städte, konkurrieren um freien Wohnraum und treiben damit die Mieten in die Höhe. Aber nicht nur die Nettokaltmiete steigt – auch die Folgekosten für Energie. „Zwischen 2005 und 2011 gab es einen Preisanstieg von 14,3 Prozent für Wohnung, Wasser, Strom, Gas und andere Brennstoffe“, sagt Matthias Günther, Wohnungsmarktexperte des Hannoveraner Pestel-Instituts. „Und die Tendenz zeigt weiter nach oben.“

Wohnen wird kleiner

Mehr Nachfrage als Wohnungsangebot und immer höhere Unterhaltskosten werden zwangsläufig zu immer kleineren Wohnungen führen. „Das ist ein klarer Trend, aber das Leben in kleineren Wohnungen muss nicht unbedingt schlechter sein““, sagt Alanus von Radecki, Projektleiter der „Morgenstadt“ am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. Städte wie Tokyo, in denen schon lange großer Wohnraummangel herrscht, machen vor, wie es geht: „Da wird ein 20-Quadratmeter-Appartment durch intelligente Einrichtungen zum multifunktionalen Wohnraum“, so von Radecki. Gerade noch Esszimmer, jetzt Schlafraum: Schiebbare Wandelemente, klappbare Betten, variable Sitzmöbel ermöglichen es, dem Raum innerhalb kürzester Zeit ein neues Gesicht zu geben und seine Funktion zu ändern.

Wohnen wird flexibler

Was kommt nach dem Zeitvertrag? Bleibe ich hier, geht es in eine andere Stadt? Heutige Arbeitsverhältnisse sind häufiger deutlich unverbindlicher als noch vor zwei Jahrzehnten. „Unter solchen Voraussetzungen entscheiden sich mittlerweile immer mehr Menschen gegen Wohneigentum“, so Wohnungsmarktforscher Matthias Günther. Die Wahl eines Mietverhältnisses in der Stadt komme aber auch deshalb zustande, weil Einstiegsgehälter immer niedriger ausfallen. Auch in Familien mit Kindern gehen oft beide Elternteile arbeiten. „Das“, so Günther, „lässt sich in der Stadt viel besser organisieren, als wenn man auf dem Land lebt.“

Wohnen wird smarter

„Smart Home“ ist in vieler Munde. Dass Heizung, technische Helferlein und Lampen von der S-Bahn aus per Smartphone gesteuert werden können, hat mehr Potenzial als nur Unterhaltungswert. „Gerade in vernetzten Quartieren, die sich mit erneuerbaren Energien versorgen, wird es in der Zukunft richtig interessant. Intelligente Steuerungen können vielen verschiedenen Stromverbrauchern, von der Waschmaschine bis zur Ladestation des Elektromobils, Energie zuweisen, wie sie gerade vorhanden ist“, sagt Alanus von Radecki (Fraunhofer-Projekt Morgenstadt). Eine Vision für alle? „Für den Standardmieter wird sich in den kommenden Jahren sicher nicht viel ändern. Smart-Home-Lösungen sind sicherlich zunächst etwas für das hochpreisige Segment.“

Wohnen wird bunter

Auf der Suche nach Wohnraum wird mancher erfinderisch. „Interessanterweise sind es die Altersstufen vor 30 und nach 60, die allmählich zusammenfinden“, sagt Alanus von Radecki. Ein Trend, der noch in den Kinderschuhen steckt – aber mit ordentlich Potenzial: Die Teilung von Wohnraum und Dienstleistung. „Im Prinzip eine klassische WG, bei der ältere und jüngere zusammen leben und Synergien nutzen.“ Ebenso große Chancen räumt von Radecki dem Genossenschaftsmodell ein, bei dem Privatleute sich zusammenschließen und ohne klassischen Bauträger ihren Lebensraum errichten, in dem zahlreiche Räume wie Küche oder Kommunikationsräume gemeinsam genutzt werden. „Das wird um so erfolgreicher, wenn erst kommerzielle Anbieter das an den Markt bringen.“

Wohnen wird problematischer

„Wenn Städte nicht balancierend eingreifen, ist es in der Tat der Fall, dass Ärmere an den Rand gedrängt werden“, sagt Alanus von Radecki. Allerdings seien Kommunen sich dessen bewusst – und viele würden über Lösungen nachdenken. Dennoch – alleine schon wegen der weiter steigenden Kosten – ist eine Wanderung finanzschwächerer Stadtbewohner in die Peripherien wahrscheinlich, meint Wohnungsmarkt-Experte Matthias Günther: „Wer als einkommensschwacher Haushalt gezwungen ist umzuziehen, kann den Standort Stadt schon heute oft nicht mehr halten.“ Dies sei von der Politik oft zumindest geduldet – angesichts leer stehenden Wohnraums außerhalb der Stadt. „Das erinnert an Maggie Thatcher, die schon in der 80er Jahren gesagt hat: ‚Wer sich London nicht leisten kann, der muss hier weg‘.“

(Autor: Christian Thomann-Busse)